Hanna Reitsch
Hanna Reitsch
Hanna Reitsch wurde am 29. März 1912 in Hirschberg / Oberschlesien geboren. Ihren ganzen Erfolg legte sie ihrer glücklichen Jugend zugrunde. Sie hatte einen preußischen Vater und eine tiroler Mutter, einen um zwei Jahre älteren Bruder und eine vier Jahre jüngere Schwester. Ihr Vater war der leitende Arzt einer Augenklinik. Die ganze Familie war sehr gläubig und musikalisch.
Hanna war ein empfindsames, lebhaftes und phantasievolles Kind. Schon früh übten Höhen eine große Anziehung auf sie aus. So pflegte sie ihre Schulaufgaben oft in der Krone eines Baumes zu machen. Hanna wollte eine fliegende Missionsärztin werden und der Wunsch zu fliegen, wuchs in ihr bis zu sehnsüchtigem Verlangen, das sie nie mehr los ließ.
Zur Belohnung des bestandenen Abiturs erhielt sie einen Lehrgang in der Segelflugschule Grunau. Auf dem Galgenberg stieg sie unter der Leitung von Pit van Husen zum ersten Mal in die Luft. Nachdem beim ersten Flug ziemlich viel schief ging, erhielt sie drei Tage Startverbot. Aber sie ließ sich nicht unterkriegen und übte mit eiserner Disziplin die für den Flug notwendigen Steuerbewegungen. Sie bestand die Flugprüfung und wurde zur nächst höheren Prüfung zugelassen. Um auch das Motorfliegen zu erlernen, ging sie zur Sportfliegerschule nach Berlin-Staaken. Sie interessierte sich nicht nur für das Fliegen, sondern auch für Motoren und die praktische Arbeit des Reparierens.
In der Zwischenzeit setzte sie ihr angefangenes Medizinstudium in Kiel fort.
Im Mai 1933 während der Ferien lernte sie von ihrem Fluglehrer Wolf Hirth den Blindflug und ging dann mit ihm als Fluglehrer nach Schwäbisch Gmünd. Im Sommer 1933 nimmt Hanna zum ersten Mal am Rhönwettbewerb teil. Der Segelflugprofessor Georgii fragte sie nach der Preisverteilung, ob sie an seiner geplanten Südamerikaexpedition teilnehmen wolle. Für diese Fahrt musste sie aus eigener Tasche 300 RM beisteuern, so dass sie auf ein früheres Angebot der UFA zurückgreift, als double bei einem Segelfliegerfilm mitzuwirken. Dabei stellte sie zwei neue Frauenrekorde auf.
Als Angehörige des von Hans Jacobs geleiteten Instituts für Segelflug findet Hanna sich 1936 in der Rolle des Einfliegers. Der Einflieger muss ein in seinen Flugeigenschaften und seiner Flugsicherheit noch unbekanntes Flugzeug bis an die äußerste Grenze seiner Leistungs- und Belastungsfähigkeit erproben. Sie machte Versuche mit Sturzflugbremsen und nach einer gelungenen Vorführung wird sie von Ernst Udet zum Flugkapitän ernannt, das erste Mal, dass dieser Titel einer Frau verliehen wird.
Nach der triumphalen Überquerung der Alpen von fünf deutschen Segelfliegern, darunter Hanna Reitsch in ihrem Sperber Junior, wird sie im September 1937 von Ernst Udet an die Flugerprobungsstelle für Militärmaschinen nach Rechlin berufen. Die Erprobung von Stukas, Bombern und Jagdmaschinen wird für sie eine patriotische Aufgabe, die sie als größere Ehre empfindet als Titel und Auszeichnungen. 1937 führte sie in Berlin den Hubschrauber vor, eine weltweite Neuheit erfunden von Focke (Bremen). Im August 1938 nahm sie an den International Air Races in Cleveland teil. Im Februar 1939 startete erneut eine Segelflugexpedition unter Georgii nach Nordafrika.
Zwischen 1937 und 1939 stellte Hanna einen Streckenweltrekord von der Wasserkuppe nach Hamburg, einen Weltrekord im Zielflug mit Rückkehr zum Startplatz von Darmstadt zur Wasserkuppe und zurück auf. Daneben wurde sie als einzige weibliche Teilnehmerin Siegerin beim großen Zielstrecken-Segelflugwettbewerb von Westerland auf Sylt nach Breslau. Und im Juli 1939 flog sie einen Weltrekord im Zielflug von Magdeburg nach Stettin.
Am 27. März 1941 wird Hanna von Göring in seinem Haus empfangen. In Anerkennung für ihre gefahrvollen Versuche überreicht er ihr das goldene Militärfliegerabzeichen mit Brillanten. Am folgenden Tag wird sie von Hitler zur Verleihung des EK II in der Reichskanzlei empfangen.
Im Oktober 1942 flog Hanna für die Firma Messerschmidt in Augsburg die Me163a und b, ein schwanzloses Flugzeug mit Raketenantrieb. Bei einem Probeflug erlitt sie einen schweren Absturz. Sie hatte einen vierfachen Schädelbasisbruch, zwei Gesichtsschädelbrüche, einen verschobenen Oberkiefer, eine Gehirnquetschung und eine gespaltene Nase. Wenige Tage nach dem Absturz war ihr das EK I verliehen worden.
Im November 1943 flog sie an die Ostfront Russland zum Hauptquartier von Greim. Im Oktober 1944 wurde Hanna auf dem Weg zum Luftschutzbunker bei einem Bombenangriff verwundet.
Ende Februar 1945 flog sie noch einmal, entgegen Hitlers ausdrücklichen Verbots, in wahren Heckensprüngen in einem Fieseler Storch in das von den Sowjets eingeschlossene Breslau. Auf dem Rückflug über Hirschberg erreichte sie ein Funkspruch, der sie nach München rief. Im Raum Kitzbühel sollte sie Notlandeplätze für Verwundetentransporte erkunden.
Am 25. April 1945 erhielt Hanna Reitsch die Nachricht, dass sie sich dem Generaloberst von Greim für einen Sonderauftrag zur Verfügung stellen soll. Sie sollte zusammen mit ihm zum Führerbunker in das eingeschlossene Berlin fliegen. Die Maschine flog in niedrigster Höhe. Unter ihnen wimmelte es von russischen Panzern und Soldaten. Ein mörderisches Feuer richtete sich auf die einsame deutsche Maschine. Einschläge rechts und links, bis es auf einmal furchtbar krachte. Zur selben Zeit leuchtete eine Flamme neben dem Motor auf. Von Greim war getroffen. Ein Panzersprenggeschoss hatte seinen rechten Fuß durchschlagen. Fast mechanisch ergriff Hanna von ihrem Sitz aus den Steuerknüppel und hielt die Maschine in Abwehrbewegungen. Benzin trat aus den Flächentanks, jetzt wurden Hannas frühere Trainingsflüge über Berlin ihre Rettung. Mit dem Kompasskurs zum Flakbunker gewann sie die Ost-West-Achse mit der Siegessäule. Den Tank fast leer, setzte sie den Storch dicht vor dem Brandenburger Tor auf.
Hitler befohl Hanna, von Greim mit einer bereitgestellten Arado 96 aus Berlin zum Stabe von Großadmiral Dönitz nach Plön zu fliegen. Eine Rettung für sich selbst aus der sterbenden Stadt lehnte er ab. In einer kurzen Pause zwischen den ständig die Strasse abtastenden Scheinwerfern, konnte die Arado ungesehen vom Boden abheben. Doch schon am Brandenburger Tor wurde sie von den Sowjets erkannt. Ein Hagel von Leuchtgeschossen griff nach der Maschine. Sie erreichten jedoch glücklich eine rettende Wolkenschicht. Von Rechlin flogen sie nach einer kurzen Pause weiter zu Dönitz und von dort nach Dobbin zu Feldmarschall Keitel, überall dicht am Boden, von Wald zu Wald, über Hecken und Zäune springend, um den feindlichen Jägern zu entgehen.
Bei der Landung fielen sie den Amerikanern in die Hände. Von Greim wählte wegen der vielen Verleumdungen den Freitod. Hanna Reitsch wurde für eineinhalb Jahre eingekerkert, was sie aber ruhigen Gewissens hinnahm – sie war sich keiner Schuld bewusst. Sie schmerzte nur der Verlust ihrer Familie, die um nicht den Russen in die Hände zu fallen den Freitod wählten.
Nach ihrer Entlassung aus der Besatzerhaft musste sie noch viele Enttäuschungen erleben, von Lügen in Zeitschriften über die Verweigerung des Besuches der Gräber ihrer Familie bis hin zur Unterschlagung von Briefen. Doch auch dieses stand sie durch, mit Hilfe von guten Freunden, ihrer Liebe zum Fliegen und ihrer Erinnerung an die tote Familie.
Hanna Reitsch starb am 24. August 1979 in Frankfurt am Main und ist auf dem Salzburger Zentralfriedhof begraben.
Literatur
Hanna Reitsch Fliegen mein Leben
Hanna Reitsch Das Unzerstörbare in meinem Leben
Hanna Reitsch Ein deutsches Fliegerleben




